Ich beteilige mich hier an WmdedgT, das ist eine Aktion, die Frau Brüllen vor weit über 10 Jahren ins Leben gerufen hat - am jeweils 5. eines Monats schildern Bloggermenschen, was an diesem Tag bei ihnen geschieht.
Ein Donnerstag ist heute und das heißt noch immer: Arbeitstag mit Weckergeräuschen um 08.00h. Welch angenehme Zeit.
Ich bin seit vier Wochen wieder in der Lage, morgens einfach aufzustehen statt mich über die Seite langsam auf die Bettkante zu setzen und zuzuwarten, bis der Schwindel nachlässt. Der bereits öfter hier thematisierte fucking fuck Lagerungsschwindel hielt sich mit Ausläufern seit Mitte November und ich brauche das so bald nicht wieder. Wenn mir jetzt morgens schwarz vor Augen wird, ist es nur der niedrige Blutdruck in Kombination mit einem ebenso tiefen Ruhepuls. Gewohntes Terrain.
Das erste, was mir heute einfällt, ist, dass mein Vater am morgigen 6.2.26 seinen 106. Geburtstag hätte - aber nun, ich soll ja über heute bloggen.
Bis 09.30h 3x Kaffee, 1x Müsli mit Obst, duschen, anziehen, Kopfhörer einstecken und Spaziergang zur Arbeitsstätte. Meine Playlist spielt mir eine etwas unorthodoxe Reihenfolge von Titeln ein und so habe ich, bis ich in der Praxisumkleide stehe, folgendes gehört:
-David Bowie/ Cat People (mit Filmszenen für die
Ewigkeit aus Inglourious Basterds im Hinterkopf!)
- Bosse (feat.Anna Loos)/Frankfurt Oder
- ABBA/ Dancing Queen
- Guns ‚n‘ Roses/ Paradise City
- Rainbirds/ Blueprint
- Coldplay/ Viva la Vida
Was sagt man bloß dazu?
Ich zumindest - nix. Stattdessen nehme ich exakt um 10.01h meinen Platz hinterm Tresen ein und verschaffe mir einen Überblick. Gibt es heute Spezialkandidaten? Welche? Muss ich in Deckung gehen oder werde ich es schaffen, mit professioneller Höflichkeit zu agieren? Jeder Mensch ist anders und wirkt unterschiedlich auf andere - bei uns ist es unausgesprochenes Gesetz, dass man sich aus einer Situation stehlen darf, wenn von vornherein klar ist, dass die Chemie nicht stimmt. Das klappt natürlich nicht immer und in unserer gar zu häufigen Unterbesetzung schon gar nicht, aber die ist heute nicht gegeben. Zum Ausgleich steht aber auch niemand im Kalender, bei dem ich fluchtartig den Empfang verlassen müsste - die kommen dann zu siebt, wenn ich das nächste Mal allein Counterdienst habe… so will es das Gesetz.
Ich arbeite unspektakulär aber fleißig bis 13.00h durch, dann gibt es eine neue Runde Tee im Thermosbecher und dazu den Anrufbeantworter. „Hier ist Müller. Ich brauche meine Tabletten, die gelben. Sie wissen schon!“
Um ehrlich zu sein - nein.
Um 14.00h schalte ich die Telefonleitung wieder frei, ach, hätte ich‘s doch nicht gemacht und habe sofort die Patientin Frau Umständlich am Apparat, die ihr Anliegen einmal quer über die linke Schulter nach hinten durchs rechte Knie und dann zweimal um die Hüfte schildert, bevor ich auch nur ansatzweise ahne, was sie will. Es ist übrigens kein Gerücht, dass Menschen vorm Tresen nach Überweisungen zum Chirurgen fragen, wenn sie ein Rezept für Podologie benötigen. Ich sachs nur…
Aber nach einer Stunde mir weiteren telefonischen Rätseln und live Patienten taucht die Kollegin auf, löst mich ab und ich gehe nach Hause. Noch immer liegen die Straßen unter einer festen Eisschicht, da muss ich ordentlich aufpassen, um nicht direkt auf die Fr**** zu fallen, aber die Gehwege sind mittlerweile ganz gut passierbar. Wie kann der Winter sich auch erdreisten, artgerecht daherzuerscheinen?!
Am heimischen Herd schmurgele ich mir ein schnelles Gemüsegericht zusammen, werfe einige wenige Nudeln dazu und verteile etwas von dem Riesenstück Käse, das die Verwandtschaft am vergangenen Wochenende als Gastgeschenk mitbrachte, darüber. Dazu streame ich ein bisschen vorm TV.
Damit fertig animiere ich das wilde Tier, welches heute Nachmittag außer der Reihe mein Schutzbefohlener ist, zu einem Gang in den Park. Dort klebt es sich ein hartgefrorenes Schnee-Eis-Klümpchen nach dem nächsten unter die Ballen und hebt bald das eine oder das andere Bein und schaut mich Mitleid heischend an. Was soll‘s? Er kriegt‘s halt nicht alleine raus und so ziehe ich mir die Lammfellhandschuhe aus und puhle die Klumpen aus seinen Pfoten. Hund wieder glücklich, meine Hände eiskalt und als sie sich langsam erwärmen: Repeat.
Auf den Metern, die wir trotzdem schaffen, begegnen uns viele andere Hunde mit ihren jeweiligen Leinenträgern und es nervt mich jedesmal aufs Neue, wenn ich sehe, wie wenig Ahnung sie zum Teil von ihren Viechern, bzw. der Spezies Hund im allgemeinen haben. Blick ins Handy, lange Flexileine, kein Plan, was der Hund gerade macht. Null Check in Hinsicht auf Körpersprache, keine Idee davon, was das Tier gerade vermittelt.
Heutige „Lieblingssituation“ - auf dem Weg aus dem Park heraus passiert man einen kleinen Engpass von etwa 20 Metern mit rechts und links dichtem Gestrüpp und keiner Ausweichmöglichkeit. Mir entgegen kommt mittig eine dieser nichtsschnallenden unaufmerksamen Halterinnen - ihr Hund schon in gestreckter Haltung voraus in die Leine gehend.
Natürlich hat sie ihn nicht korrigiert oder auch nur seine Aufmerksamkeit gezogen. Ich manövriere Theo und mich an die Seite, lasse ihn sitzen und will warten, bis sie an mir vorbei ist. Ja.
Der andere Hund blieb an straffer Leine stehen, Steerts kerzengerade nach oben, Ohren auch und fixiert Theo. Statt aus dieser angespannten Situation herauszugehen (ich konnte ja nicht) verweilte die Trulla halt auch auf der Stelle und schon keiften die Hunde sich gegenseitig an. Was ich gern vermieden hätte. Was sich leicht hätte vermeiden lassen. Ich verfüge auch nicht über die Qualität von erfahrenen Hundetrainern, die in der Lage sind, alle Situationen elegant zu lösen - aber meinen eigenen Hund und dessen Eigenarten zu kennen und zu händeln, sollte doch Mindestanforderung sein. Zu wissen, wie man mit seinem Tier kommunizieren kann, ist kein Hexenwerk - zweimal am Tag streicheln und kaum Beschäftigung reichen aber nicht. Grmpf.
Etwa um 17.00h bin ich wieder zurück, springe nochmal kurz unter die Dusche und laufe zu meinem letzten Termin für heute. Hautkrebsscreening, better safe than sorry. Als arme Kassenpatientin habe ich diese Untersuchung nur deshalb so zeitnah (ich rief im November 25 an) abgegriffen, weil mein Familienmitglied namens Privatpatient das bei seinem letzten Besuch in dieser Praxis angeleiert hat. Es ist schon abenteuerlich, wie knapp Termine bei manchen Fachärzten sind und ich bin froh über meine halbwegs stabile Gesundheit. Genetik ist eins, Ernährung und Bewegung sind aber durchaus hilfreich in diesem Kontext und wenn ich mir viele junge Leute, die als Patienten in unsere Praxis laufen und gnadenlos überernährt sind, so anschaue, dann frage ich mich schon, ob denen keiner je was über halbwegs gesunden Lebensstil beigebracht hat.
Ich könnte noch endlos über ärztliche Versorgung, Gesundheit, Bildung, Vernunft schreiben, weil es mich auf vielen Ebenen komplett abnervt, aber ich sprenge ja jetzt schon den Rahmen von WmdedgT. (Tatsächlich mache ich mir offenbar auch viele Gedanken.)
Zurück zum Termin. Das Screeningergebnis ist gut, ich bin erstmal wieder beruhigt und begebe mich wieder nach Hause.
Dort ist mittlerweile daMan eingetroffen, wir besprechen den Tag, bevor er was isst und ich französisch lerne. Ein paar Seiten im aktuellen Buch* sind auch noch drin.
Und damit geht der Tag in die Endrunde - wir werden noch zusammen Netflix beehren und wie immer werde ich kaum vor Mitternacht in den Schlaf kommen. So sei es.
*Joël Dicker - Die Geschichte der Baltimores
Oh - ich wünschte, ich hätte die Baltimores noch vor mir. Vielleicht sollte ich sie einfach nochmal lesen - im Moment finde ich kaum mal ein Buch, welches ich mag.
AntwortenLöschenÜber diese Hundesituationen könnte ich mich auch immer wieder aufregen. Konnte es Dir sehr nachfühlen.
Liebe Grüße Britta
Kann ich gut verstehen und ich bin sicher, dass ich dieses Buch und auch den Quebert öfter lesen werde. Ich bleibe in der Geschichte, obwohl ich das Buch über Tage verteilt lese - normalerweise vergesse ich dann sehr viel, weil mein Aufmerksamkeitsspektrum so begrenzt ist. Hier also nicht und somit ein klares persönliches Qualitätsmerkmal.Ich freue mich so sehr darauf, bald mehr Zeit zum „am Stück lesen“ zu haben, kannste dir ja vorstellen!
LöschenLG anne Emscher!
Ich hab mir schon einen Termin dieses Jahr vorgemerkt um einen Termin fürs Screening nächstes Jahr auszumachen 😵💫. Verrückt - wie deine Playlist. Da ist ja für jeden was dabei!
AntwortenLöschenBei solchen Hundehaltern wie von dir beschrieben, kann ich auch die Panik einer Freundin verstehen. Die hat Angst vor Hunden und wenn die Halter mehr mit ihrem Handy beschäftigt sind, als mit ihrem Tier, bekommen die gar nicht mit, wie sie versucht einen größtmöglichen Abstand zwischen sich und "die Bestie" zu bringen. War schon fast therapiert, bis ihr so ein Ignorant mit unkontrolliertem Schäferhund über den Weg gelaufen ist... "Bildung, Vernunft" - da reden wir lieber nicht drüber 🙄
Liebe Grüße!
Ja, super! Die negativen Eindrücke manifestieren sich immer nachhaltiger als die positiven - das tut mir sehr leid für deine Freundin.
AntwortenLöschenTheo hat mir sehr viel in Hinsicht auf Energieübertragung beigebracht - das ist nichts esoterisches, sondern beruht auf dem Umstand, dass Hunde merken, wie man selbst drauf ist und, je nach Temperament und Sozialisation, damit umgehen.
Anstelle deiner Freundin würde ich so vorgehen:
Hund kommt entgegen, sie ist getriggert, schaut in seine Richtung, Schweiß bricht aus, gleich geht es schief usw.usf. Hund schnallt das sofort und reagiert übergriffig, unsouverän (vulgo: pöbelnd), die Situation wird immer fieser.
Lösung: Hund kommt entgegen, deine Freundin richtet ihre Aufmerksamkeit sofort auf einen Wegpunkt weit hinter dem Hund. Da will sie hin, da schaut sie hin. Kein Blick Richtung Hund, einfach aufrichten und mit Blick in die Ferne schnell und entspannt (Kopf hoch! Schultern runter!) am Tier vorbei. Ergänzend statt „HundHundHundohGoddogoddoGodd“ zu denken, ganz bewusst an etwas völlig Absurdes denken. Ich visualisiere gern einen geblümten Elefanten mit rosa Plüscheinhorn… im Wechsel mit: Da hinten will ich hin. Es ist eine Kombination aus Psychologie und Kommunikation. Deine Freundin richtet ihre Aufmerksamkeit auf etwas anderes, signalisiert durch ihre Körperhaltung gelöste Stimmung und im Gegenzug wird sie uninteressant für den Hund. Er merkt, dass sie sich nicht mit ihm beschäftigt. Natürlich gibt es welche, die das dann doch nochmal überprüfen wollen und vielleicht näher kommen als ihr lieb ist. In diesem Fall: Kopf noch höher, Blick noch weiter, zwei Plüschelefanten, die ein Duett singen, weitergehen, weiter nicht beachten.
Ich selbst bin immer noch aufs Neue überrascht, wie gut das funktioniert.
In meinem obigen Beispiel im Post dachte ich übrigens nicht an geblümte Rüsseltiere sondern eher sowas wie: „Du dusselige Plunze, geht doch weiter, du olles nichtskapierendes Schrappnell.“ Tja, der Theo merkte das und keifte dann halt auch los. Super.
LG nach langem Sermon